Die Pall Mall. Von der Sportbahn zur städtischen Vergnügungsmeile

Termin

Zu sehen ist eine alte, handgezeichnete Karte. Feine Linien sind auf vergilbtem Hinterund mit Buchstaben bezeichnet.
Zu sehen ist eine alte, handgezeichnete Karte. Feine Linien sind auf vergilbtem Hinterund mit Buchstaben bezeichnet.

14.02.2026 15:00 Uhr

Prof. Dr. Prof. h. c.mult. Eva-Maria Seng, Stuttgart:

Auf zahlreichen alten europäischen Stadtplänen finden sich breite, von Baumreihen gesäumte Bahnen, die man für Alleen halten könnte. Diese vermeintlichen Alleen verbinden aber nicht zwei Orte, sondern enden abrupt in der Landschaft: Es handelt sich dabei nämlich um Sportbahnen, sogenannte Pallamaggio-Anlagen. Das Ballspiel Pallamaglio, das man auf diesen Bahnen in verschiedenen Varianten ausübte, gehörte in Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zu den beliebtesten Spielen.
Auch in Stuttgart war es aktuell: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts legte der herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt eine der größten und repräsentativsten Paille-Maille-Anlagen an. Sie war Teil der ansehnlichen Sportanlagen, die sich die württembergischen Herzöge seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert im fürstlichen Lustgarten erbauen ließen. Die Sportbahnen wurden zu einem Ausgangspunkt politischer, gesellschaftlicher, kultureller und stadtplanerischer Prozesse.
Der Vortrag untersucht die Sportstätten als ein Ort der Begegnung zwischen Adel und städtischen Oberschichten, als sozioökonomischer Faktor für neue Unterhaltungseinrichtungen und Gewerbe, als Raum für neue Praktiken der Körperkultur und Naherholung sowie schließlich als Motor der Öffnung der Städte in ihre Umgebung und Ausgangspunkt für die Stadterweiterung.

Prof. Dr. Prof. h.c. mult. Eva-Maria Seng ist Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Architektur und Städtebau, Landschaftsgestaltung, materielles und immaterielles Kulturerbe und Museums- und Ausstellungswesen. Seit 2024 ist sie Rektorin der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Bildnachweis: Ballplatz in Stuttgart, Zeichnung von Heinrich Schickhardt, 1621 (Landesarchiv Baden-Württemberg, HStA Stuttgart N 220 T 35)