Moderne Militärgeschichte (19./20. Jahrhundert)
Das Militärische nimmt in der Überlieferung des Landesarchivs Baden-Württemberg zum 19. und frühen 20. Jahrhundert einen breiten Raum ein. Neben Behörden und Formationen, die eigene Aktenbestände hinterlassen haben, existieren spezielle militärische Nachlässe und Sammlungen. Darüber hinaus finden sich auch in anderen Beständen zahlreiche Bezüge zum Themenkomplex Militär. Die moderne Militärüberlieferung des Landesarchivs setzt mit den Umbrüchen der Napoleonischen Ära nach der Auflösung des Alten Reiches ein. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchsen die Landesheere stark an. Es kam zu mehreren organisatorischen Reformen, ehe mit der Reichsgründung 1870/71 ein einheitliches militärisches System für das gesamte Deutsche Reich geschaffen wurde. Darin gingen die Badische und Württembergische Armee in zwei Großverbänden der Armee des Kaiserreichs auf, namentlich im XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps und im XIV. Armeekorps. Diese Struktur bestand bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918. Danach gingen die Zuständigkeiten für die Reichswehr (ab 1919), die Wehrmacht (ab 1935) und die Bundeswehr (ab 1955) vollständig auf das Reich beziehungsweise den Bund über. Folglich liegen im Landesarchiv vor allem Unterlagen zum Zeitraum von 1806 bzw. 1870 bis etwa 1920 vor. Für die daran anschließende Zeit der Weimarer Republik, des sogenannten Dritten Reiches und der Bundesrepublik Deutschland sind lediglich Aufzeichnungen aus Nachlässen und Sammlungen (z. B. Briefe, Fotografien und Tagebücher) im Landesarchiv überliefert. Davon abgesehen hatte die Landesverwaltung mit Reichswehr, Wehrmacht, alliierten Truppen und Bundeswehr zu verhandeln, was sich in den staatlichen Beständen niederschlagen konnte. Dieser Rechercheratgeber hilft Ihnen bei der allgemeinen militärgeschichtlichen Forschung sowie speziell bei der Suche nach der militärischen Biografie einer bestimmten Person.
Welche Informationen benötigen Sie, um mit der Suche beginnen zu können?
Sie benötigen für die Suche nach einer konkreten Person:
- den Namen der gesuchten Person,
- das Geburtsdatum sowie
- soweit vorhanden möglichst genaue Angaben zur militärischen Einheit bzw. zum Einsatz der Person.
Sie benötigen für militärhistorische Forschungen (z. B. für die Recherche zu militärischen Einheiten oder bestimmten Kriegsereignissen):
- möglichst genaue Angaben zur gesuchten militärischen Einheit sowie
- eine zeitliche Eingrenzung des Suchzeitraums.
Welche Unterlagen können Sie im Landesarchiv Baden-Württemberg finden?
Die Überlieferung der badischen und württembergischen Militärbehörden und -formationen werden im Generallandesarchiv Karlsruhe und Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt. Hierunter befinden sich Verwaltungs- und Personalunterlagen, Kriegstagebücher, Karteien, Karten und Pläne sowie Fotosammlungen und Nachlässe. Die Unterlagen sind nicht nur für militärhistorische Fragestellungen von großer Bedeutung, sondern auch für zivilhistorische Untersuchungen (z.B. Sozialgeschichte, Technikgeschichte, Medizingeschichte, Stadtgeschichte etc.) relevant.
Badische Militärbestände (Generallandesarchiv Karlsruhe):
48: Haus- und Staatsarchiv: III. Staatssachen (Kriege der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts)
59: Generaladjutantur (1827–1919)
238: Kriegsministerium (1803–1888)
456: XIV. (Badisches) Armeekorps (v. a. 1914–1918)
Württembergische Militärbestände (Hauptstaatsarchiv Stuttgart):
E 270 a–E 299: Kriegsministerium (1806–1870/71)
M: Militärische Bestände des XIII. (Württembergischen) Armeekorps (1870/71–1920)
Die Bestände umfassen Dokumente zu den Napoleonischen Kriegen, dem Deutschen Krieg, dem Deutsch-Französischen Krieg sowie dem Ersten Weltkrieg. Der weitaus überwiegende Teil der militärischen Überlieferung beinhaltet Unterlagen, die sich auf die Organisation und Verwaltung der Behörden und Formationen bezieht. Diese Akten sind für familienhistorische Fragestellung in aller Regel kaum aussagekräftig.
Welche militärischen Personalunterlagen sind im Landesarchiv Baden-Württemberg überliefert?
Zur zentralen Überlieferung des Badischen und Württembergische Militärs gehören die Personalunterlagen. Für Offiziere und hohe Militärbeamte legte man nach 1870/71 Personalakten an. Die einfachen Soldaten wurden wiederum in Friedens- und Kriegsstammrollen der entsprechenden militärischen Einheiten erfasst. Diese Stammrollen wurden für einzelne Kompanien und Eskadrons angelegt. Sie enthalten in aller Regel ein Namensregister über das sich die einzelnen Personeneinträge ermitteln lassen. Dennoch ist vor der Recherche die Kenntnis der Formation vonnöten, in der die gesuchte Person diente. Sollte diese Information nicht vorliegen, kann man über die Deutschen Verlustlisten aus dem Ersten Weltkrieg nach der gesuchten Person recherchieren. Der Verein für Computergenealogie hat in einem Crowdsourcing-Projekt die Deutschen Verlustlisten vollständig indiziert. Diese können online durchsucht werden: Verlustlisten 1. Weltkrieg
Die Stammrollen liegen für Württemberg für das 19. und 20. Jahrhundert und für Baden für den Ersten Weltkrieg bereits digitalisiert vor und können im Online-Findmittelsystem eingesehen werden.
Badische Personalunterlagen (Generallandesarchiv Karlsruhe):
456 A: Friedensstammrollen (1821–1920)
456 B: Kriegsstammrollen (1866 und 1870/71)
456 C: Kriegsstammrollen (1914–1918)
456 D: Kriegs- und Friedensranglisten (1870–1920)
456 E: Personalakten (1835–1949)
Württembergische Personalunterlagen (Hauptstaatsarchiv Stuttgart):
E 271 l: Kriegsdepartement: Konskriptions- und Rekrutierungskommissionen (1806–1873)
Welche Unterlagen können Sie in anderen Archiven einsehen?
Die Überlieferung der preußisch-deutschen Armee befindet sich für die Zeit bis 1866 im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz.
Das Bundesarchiv verwahrt umfangreiche militärische Bestände ab 1867 bis in die Gegenwart hinein, unter anderem die erhaltenen Dokumente der preußischen Armee, des Deutschen Heeres, der Kaiserlichen Marine, der sog. Schutztruppen, der Reichswehr, der Wehrmacht, der Waffen-SS, der Nationalen Volksarmee der DDR und der Bundeswehr. Weitere Informationen und Kontaktadressen finden Sie auf der Website des Bundesarchivs: Personenbezogene Unterlagen militärischer Herkunft
Bei der Recherche im Bundesarchiv gilt es zu bedenken, dass der überwiegende Teil der preußischen Militärüberlieferung, der sich in der Obhut des Reichsarchivs in Potsdam befand, bei einem Luftangriff im Frühjahr 1945 zerstört wurde.
Das Archivgut der Bayerischen Armee wird wiederum im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, Abt. IV Kriegsarchiv, jenes der sächsischen Militärverbände (XII. Armeekorps) im Hauptstaatsarchiv Dresden verwahrt.
Eine Vielzahl deutscher Bibliotheken bewahrt Kriegssammlungen zum Ersten Weltkrieg auf. Die sogenannte Lebensdokumentensammlung in der Württembergischen Landesbibliothek umfasst beispielswese Erinnerungen, private Tagebücher und Briefe von deutschen und österreichischen Kriegsteilnehmern: Lebensdokumentensammlung
Wussten Sie schon?
Ausführliche Informationen zur Formationsgeschichte des deutschen Militärs finden Sie im Portal "Militär" auf Genwiki.
Die Württembergische Landesbibliothek hat Digitalisate der Reihe „Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914–1918“ bereitgestellt. Die Bücher enthalten detaillierte Informationen zu Aufbau und Einsatz der einzelnen Formationen des XIII. Armeekops im Ersten Weltkrieg: Die württembergischen Regimenter im Weltkrieg 1914–1918
Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Schreiben Sie uns gerne bei Fragen und Kritik zu den Rechercheratgebern eine E-Mail.
Literatur
- Rainer Brüning, Kriegstagebücher, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Kriegstagebücher.
- Günter Cordes, Von der Pertinenz zur Provenienz. Zur Neuordnung der militärischen E-Bestände des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, in: Aus der Arbeit des Archivars. Festschrift für Eberhard Gönner (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. 44), hg. v. Gregor Richter, Stuttgart 1986, S. 129–141.
- Joachim Fischer, Zehn Jahre Militärarchiv des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 37 (1978), S. 362–368.
- Joachim Fischer, Das württembergische Kriegsarchiv. Zur Überlieferungsgeschichte der militärischen Archivalien von Württemberg, in: Aus der Arbeit des Archivars. Festschrift für Eberhard Gönner (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. 44), hg. v. Gregor Richter, Stuttgart 1986, S. 101–128.
- Joachim Fischer, Reichsarchivzweigstelle und Heeresarchiv Stuttgart, in: Aus südwestdeutscher Geschichte. Festschrift für Hans-Martin Maurer. Dem Archivar und Historiker zum 65. Geburtstag, hg. v. Wolfgang Schmierer u.a., Stuttgart 1994, S. 705–720.
- Julia Hiller von Gaertringen, Kriegssammlungen 1914–1918, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Kriegssammlungen 1914–1918.
- Wolfgang Mährle, Im Dienst der Kriegspolitik. Die Reichsarchivzweigstelle Stuttgart und das Heeresarchiv Stuttgart in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Archivnachrichten (September 2005), S. 4 f.
- Wolfgang Mährle, Militärische Personalunterlagen, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Südwestdeutsche Archivalienkunde: Militärische Personalunterlagen.
- Bernhard Theil, Das Militärarchiv des Hauptstaatsarchivs Stuttgart. Geschichte, Bedeutung, Quellenwert, in: Beiträge zur Landeskunde 1990 (Regelmäßige Beilage zum Staatsanzeiger für Baden-Württemberg), Nr. 5, S. 7–14.